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Ratten und Träumer

Schellerdamm von 1994
die Seifenfabrik damals...
...und heute
Industriebrache wird zum Bürostandort

Sie ist atemberaubend. Eine Geschichte, die heute bereits Legende ist. Dabei ist es gerade einmal 20 Jahre her, dass der Harburger Binnenhafen begann von einer verwahrlosten Industriebrache zu einem florierenden Wirtschaftsstandort aufzusteigen.

 

Den ersten Akt bestreiten vor allem Ratten. Und zwei Traumtänzer. Die sitzen in einer Pizzeria und malen – vom Wein beflügelt – die Vision eines „Port Grimaud des Nordens“ auf eine Papierserviette. Die Skizze: Wohnhäuser am Wasser, mit eigenen Anlegern vor der Tür. Die Protagonisten: der damalige Bezirksamtsleiter Jobst Fiedler und der Bau-Unternehmer Arne Weber.

Letzterer, Harburger mit Leib und Seele und Chef des Traditionsunternehmens HC Hagemann, ist von der Idee so begeistert, dass er eine alte Seifenfabrik kauft und durch Zufall auf die Idee kommt, diese in ein Bürogebäude umzuwandeln. Um die Aufmerksamkeit auf das Areal zu ziehen, denkt er sich einen geradezu genialen Coup aus: Er baut eines der am Wasser gelegenen Lager zu einem feinen Restaurant aus und gewinnt Michael Wollenberg für seinen Plan, ein First-Class-Restaurant zu etablieren. Die Rechnung geht auf. Wollenberg, damals frisch gekürter Weltmeister der Fischköche, macht einen ausgezeichneten Job und erkocht einen Michelinstern für das Restaurant „Marinas“. Er sorgt dafür, dass die komplette Hamburger Promi-Szene sich mitten im Harburger Binnenhafen die Klinke in die Hand gibt.

Auch vom weltweiten Siegeszug des Internets profitiert der neue Standort. Hier befindet sich die Keimzelle der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) und liefert sozusagen den geistigen Rohstoff für IT-Unternehmen.

Rund um das Mikroelektronik-Anwendungszentrum, das Start-up-Unternehmen auf die Sprünge hilft, siedeln sich junge Firmen an. Arne Weber setzt auf einen atmosphärischen Mix aus Neu und Alt. Historische Speicher paaren sich mit modernen Neubauten. Ein architektonischer Spannungsbogen, der begeistert. Hier trifft der Hightech-Manager den Stauervizen. Der channel hamburg, wie die stetig wachsende Anzahl von Unternehmen ihr Netzwerk nennt, hat Seele. Eine, die viele am Reißbrett entstandene Bürostandorte nicht aufzuweisen haben. Selbst Airbus fliegt irgendwann auf dieses Juwel zwischen den Kanälen. „Der große Vorteil des Binnenhafens ist, dass er nicht steril ist, sondern Bezüge zur Vergangenheit herstellt“, sagt Arne Weber heute. „Jetzt gilt es, hier die Bereiche Arbeit, Freizeit und Wohnen zusammenzuführen.“ Die Vision eines „Port Grimaud des Nordens“ ist heute aktueller als je zuvor. (pen)